CASTELLO DI SERRAVALLE
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Allgemeine Informationen
Weitläufige Ruinen einer grossen Burganlage, die sich rund 400 Meter nördlich von Semione über einen Felsrücken erstrecken. Eine erste Wehranlage entstand hier bereits um 900 und wurde im Hochmittelalter mehrfach verändert. 1176 belagerte Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Burg und übergab sie einem Gefolgsmann, doch wurde sie bald nach der Schlacht von Legnano von seinen mailändischen Gegnern angegriffen und dem Erdboden gleich gemacht. Die heute sichtbare Anlage entstand ab 1220 und war Residenz und Gerichtsort mailändischer Vögte. 1402 wurde Serravalle von unbekannten Truppen erneut erobert und mit Ausnahme der Burgkirche zerstört.
Informationen für Besucher
Geografische Lage (GPS)
WGS84: 46° 24’ 46.34“ N, 08° 58’ 20.65“ E
Höhe: 414 m ü. M
Topografische Karte/n
Schweizer Landeskarte: 717.920 / 141.320
Kontaktdaten
k.A.
Warnhinweise / Besondere Hinweise zur Besichtigung
keine
Anfahrt mit dem PKW
Die Gotthardautobahn (A2) bei der Ausfahrt Biasca verlassen und anschliessend der Via Brughei in nördlicher Richtung ins Bleniotal hinein folgen. Dann links in die Via Loderio einbiegen und über Loderio bis nach Semione fahren. Die Burgruine befindet sich nördlich von Semione unterhalb der Strasse (Parkmöglichkeiten im Dorf).
Anfahrt mit Bus oder Bahn
Vom Bahnhof Biasca mit der Buslinie 132 in Richtung Motto-Ludiano bis zur Haltestelle Semione, Municipio. Ab hier dem Wanderweg in Richtung Ludiano folgen, der unmittelbar nach dem Dorf durch das Burgareal führt.
Wanderung zur Burg
k.A.
Öffnungszeiten
ohne Einschränkung
Eintrittspreise
kostenlos
Einschränkungen beim Fotografieren und Filmen
ohne Beschränkung
Gastronomie auf der Burg
keine
Öffentlicher Rastplatz
keiner
Übernachtungsmöglichkeit auf der Burg
keine
Zusatzinformation für Familien mit Kindern
keine
Zugänglichkeit für Rollstuhlfahrer
teilweise möglich
Bilder
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Grundriss
Grundriss Serravalle
Quelle: weitgehend neu gezeichnet, ergänzt und aktualisiert von O. Steimann, 2016 | auf Basis von: Meyer, Werner (Red.) - Burgen der Schweiz, Bd. 2: Kantone Tessin und Graubünden (italienischsprachiger Teil) | Zürich, 1982 | S. 59
Historie
Serrvalle zählt unbestritten zu den grössten und bedeutendsten Burgruinen der Südschweiz. Die Anlage dominierte das untere Bleniotal und war damit auch eine wichtige Station an der Lukmanierroute. Gemäss archäologischen Erkenntnissen wurde die Burg bereits ums Jahr 900 gegründet und muss damit zu jenen Herrenhöfen, Mühlen, Kirchen und «castella» im Bleniotal und der Leventina gehört haben, die Bischof Atto von Vercelli gemäss einer Urkunde von 948 den beiden Domkapiteln von Mailand vermachte.

Die Wehranlage erstreckt sich über einen 120 Meter langen Felsrücken zwischen den Dörfen Semione und Ludiano. Ob in der ersten Besiedlungsphase bereits die gesamte Fläche einbezogen war, ist bislang nicht geklärt. Aus dieser frühen Zeit konnte im Bereich der späteren Kernburg eine unvermörtelte Ringmauer aus groben Steinblöcken nachgewiesen werden. Wahrscheinlich etwas später entstand südlich davon ein Viereckbau mit Stützpfeilern im Innern.
Dieses Gebäude wurde in einer weiteren Phase nach Osten vergrössert, während der ursprüngliche Bering durch eine nunmehr gemörtelte, rund 1 Meter starke Mauer ersetzt wurde. Das Tor der Burg lag damals auf der Südseite. Der bauliche Zusammenhang mit weiteren frühen Fundamentspuren im nördlichen Teil von Serravalle lässt sich leider nicht mehr nachvollziehen. Insgesamt dürfte diese erste, mehrfach umgestaltete Burg aber eine grössere, wehrhafte Anlage gewesen sein. Der Name deutet sogar auf eine richtige Talsperre hin – eine solche konnte bislang aber nicht nachgewiesen werden.

Blenio und Leventina waren für die deutschen Könige des Hochmittelalters von grösster strategischer Bedeutung. Um die Wege nach Italien zu sichern, übergab Konrad III. die beiden Täler um die Mitte des 12. Jhdts. als Grafschaft an die Lenzburger. Ob diese für eine der Bauetappen auf Serravalle verantwortlich zeichneten, lässt sich aber nicht mehr nachvollziehen.
In den Schriftquellen genannt wird Serravalle erstmals in Prozessakten aus dem Jahr 1224. Als Zeuge schildert Guido da Torre, wie er in seiner Jugend miterlebte, dass Kaiser Friedrich I. Barbarossa im Frühling 1176 von Italien her ins Bleniotal kam, hier vier Tage blieb «et fecit levari castrum de Serravalle et postea illud dedit patri meo». Über die Bedeutung dieser Textstelle ist viel spekuliert worden, denn sie kann auf zwei Arten interpretiert werden: Dass der Kaiser die Burg aufrichten, oder dass er sie befreien liess. Letzteres ist eindeutig die plausiblere Variante. Demnach war Serrvalle von einer antistaufischen Partei besetzt und wurde von Barbarossa erobert. Anschliessend übergab er die Burg seinem Gefolgsmann Alcherius da Torre, dem Vater des oben genannten Zeugen.
Durch Truppen verstärkt, die über den Lukmanierpass gekommen waren, zog der Kaiser anschliessend wieder nach Süden, wo er Ende Mai in der Schlacht von Legnano eine schwere Niederlage erlitt. Die Mailänder machten nun ihre alten Anspüche auf das Bleniotal und die Leventina wieder geltend und zogen bald nach der Schlacht gegen Serravalle. Bei den Ausgrabungen wurden vier Bildenkugeln und zahlreiche verbogene Pfeilspitzen gefunden. Gemäss Befund wurde die Burg damals geplündert, in Brand gesteckt und bis auf die Grundmauern zerstört.

Serravalle blieb eine Ruine, bis um 1220 an gleicher Stelle eine neue Burg mit völlig anderem Grundriss entstand. Zunächst wurde am höchsten Punkt des Areals ein geräumiger Palas erbaut, von dem aus eine Ringmauer das nächsttiefere Plateau umschloss. Dafür verantwortlich war die Familie Orelli, der von Mailand die Vogtei und das Rektorat über das Bleniotal anvertraut worden war. 1235 stellte Anricus de Orello «ad Seravalem» eine erste Urkunde aus. Im 13. und 14. jahrhundert hielten die Orelli in der Vorburg regelmässig Gerichtstage ab, und Serravalle wurde nun schrittweise ausgebaut. Um 1300 entstand als neues Wahrzeichen der Burg ein mächtiger, freistehender Rundturm nördlich des Palas. Letzterer wurde neu unterteilt und um einen turmartigen Trakt mit drei Latrinen erweitert. Der Bering im Osten wurde durch einen Zwinger und ein äusseres Tor ergänzt, während als südlicher Abschluss der Hauptburg ein weiterer Turm mit Wehrplattform entstand. Gleichzeitig oder kurz darauf erreichtete man an der westlichen Ringmauer den heute noch erhaltenen Brunnenturm.

1335 erwarben die Visconti di Oleggio die Rechte der Orelli und wurden 1343 als mailändische Vögte eingesetzt. Auf sie folgten um 1380 die Pepoli aus Bologna. Auch unter diesen beiden Familien scheint die Burg weiter ausgebaut worden zu sein. Der Hauptturm wurde nun in den Bering einbezogen, der Zugang zur Burg erfolgte durch einen neuen Torbau, und im südlichen Teil der Hauptburg entstand ein beheizbares Haus mit Säulenvorbau. Erst um 1350 vollständig ummauert wurde hingegen das weitläufige Areal der Unterburg mit der Kirche Santa Maria del Castello (1339 erstmals erwähnt). Reste von farbenfrohen Wandmalereien und Kleinfunde wie Schmuck, Glas, verzierte Keramik, Würfel und Spielfiguren, eine Flöte und viele Knochen von Speise- und Schlachtabfällen lassen darauf schliessen, dass die Bewohner von Serravalle einen gehobenen Lebensstandard pflegten.
Das Ende der Burg kam 1402. Gemäss der traditionellen Überlieferung erhoben sich damals die Talleute spontan gegen den unbeliebten letzten Burgherrn Taddeo Pepoli. Doch gemäss heutigem Wissenstand starb er bereits vor diesem Datum. Ausserdem wurde Serravalle damals planmässig belagert, in der Zerstörungsschicht fand man später tausende von Armbrustbolzen. Danach wurde die Burg ausgeräumt, angezündet und geschleift. Nur die Kirche blieb bestehen. Wer für die Eroberung und Zerstörung Serravalles verantwortlich war, ist bis heute nicht abschliessend geklärt worden.

Die malerische, weitläufige Ruine wurde von 1928 bis 1930 unter Federführung des Schweizerischen Burgenvereins freigelegt und konserviert. Leider schenkte man den Fundschichten damals keine Beachtung und räumte den Schutt aus der Burg einfach weg. Erst ab 2002 kam es zu einer umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung. In mehrjährigen Grabungen konnten dabei viele Fragen zur Baugeschichte von Serrvalle beantwortet werden.
Quellen: Zusammenfassung der unter Literatur angegebenen Dokumente, inkl. Infotafel auf der Burg
Literatur
  • Anderes, Bernhard - Guida d’arte della Svizzera italiana | Lugano/Bern, 1980 | S. 54-56
  • Berla, Don Pietro - Il Castello di Serravalle | Bellinzona, 1944
  • Bitterli, Thomas - Schweizer Burgenführer, mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein | Basel/Berlin, 1995 | Nr. 647
  • Farnum, Jerome H. - 20 Ausflüge zu romantischen Burgruinen in der Schweiz | Bern/Stuttgart, 1976 | S. 242-245
  • Fusco, Vincenzo - Guida ai castelli della Svizzera Italiana | Viganello, 1988 | S. 64-67 und 180
  • Fusco, Vincenzo - Guida illustrata ai castelli, torri e rovine della Svizzera Italiana | Lugano, 1981 | S. 34-38
  • Hauswirth, Fritz - Burgen und Schlösser der Schweiz, Bd. 9: Graubünden 2 und Tessin | Kreuzlingen, 1973 | S. 133-137
  • Lipski, Eli / Locher, André - Schlösser der Schweiz | Bern, 2013 | S. 293
  • Meyer, Karl - Blenio und Leventina von Barbarossa bis Heinrich VII.: Ein Beitrag zur Geschichte der Südschweiz im Mittelalter | Luzern, 1911
  • Meyer, Werner (Red.) - Burgen der Schweiz, Bd. 2: Kantone Tessin und Graubünden (italienischsprachiger Teil) | Zürich, 1982 | S. 59-69
  • Meyer, Werner / Bezzola, Silvana - Serravalle TI – Vorbericht über die Grabungen 2002-2004 | In: Mittelalter: Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins, 10. Jhg./Nr. 1 | Basel, 2005 | S. 14-45
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